Syntax
Dies soll ein erster Versuch sein, etwas zum Satzbau im Sindarin auszusagen, unter dem Vorbehalt, dass die Textbasis dafür relativ klein und unsicher ist.
Wortstellung im Satz
Eigentlich sollte man in einer Sprache wie dem Sindarin, in dem die Wortendungen eine geringe Rolle spielen, eine feste Wortstellung Subjekt–Prädikat–Objekt (SPO) wie im Englischen erwarten. Wir haben jedoch auffallend viele Sätze, in denen das Prädikat an erster Stelle steht:
tôl acharn ›kommt (P) Rache (S)‹
lacho calad ›flamme (P) Licht (S)‹
aníra i aran ... suilannad ›wünscht (P) der-König (S) ... zu grüßen (O)‹
Es soll daher davon ausgegangen werden, dass die normale Satzstruktur eher die Wortstellung Prädikat–Subjekt–Objekt (PSO) aufweist.
Bei mehreren Objekten scheint das direkte Objekt (= Akkusativ) vor dem indirekten Objekt (= Dativ) zu stehen (sofern es sich hier um eine normale, nicht um eine poetische Wortstellung handelt).
Ein Pronomen als Objekt wird in der Regel vorangestellt; dies ist wohl die normale Wortstellung.
le nallon ›dich (O) rufe-ich (P)‹
le linnon im Tinúviel ›dir (O) singe-ich (P) [ich-]selbst Tinúviel (S)‹
Vermutlich handelt es sich in beiden Fällen bei le um die gleiche Form, wobei nicht ganz klar ist, ob es sich um ein direktes oder indirektes Objekt handelt. Die unterschiedliche Übersetzung mag irreführen.
In einem abweichenden Satz wie
geht es vermutlich um einen Bedeutungsunterschied; ein Ausdruck wie nin tiro! wäre wohl eher mit »halte nach mir Ausschau!« zu übersetzen.
Es ist jedoch auch möglich, besonders wichtige Wörter nach vorne zu stellen. Diesen Vorgang nennt man Topikalisierung. Ein vorangestelltes direktes Objekt behält die Lenierung bei.
Es ist auch möglich, das Subjekt voranzusetzen.
Celebrimbor o Eregion teithant i-thiw hin ›Celebrimbor-von-Eregion (S<) schrieb (P) die-Zeichen-diese (O)‹
Aragorn Arathornion ... anglennatha i-Varanduiniant Aragorn-Arathronssohn (S<) ... sich-nähern-wird (P) der-Baranduinbrücke (O)
Ähnlich sind auch vorangestellte Subjekt-Pronomen zu werten:
Eine Kombination von Topikalisierung des Subjekts und obligatorischer Voranstellung des Objektpronomens finden wir in folgendem Satz. Dabei zeigt sich, dass auch das Objektpronomen bei Voranstellung leniert wird.
Adverbiale Bestimmungen
Adjektivische Adverbien stehen direkt hinter dem Prädikat.
noro lim, Asfaloth! ›laufe (P) leicht (AdjAdv), Asfaloth (S)!‹
Adverbiale Bestimmungen des Ortes oder der Zeit stehen in der Regel direkt hinter dem Verb beziehungsweise hinter einem adjektivischen Adverb.
le nallon sí di-nguruthos ›dir (O) rufe-ich (P) hier-unter-Todesschatten (OrtsAdv)‹
penna míriel o menel aglar elenath ›herabstrahlt (V) funkelnd (AdjAdv) vom-Himmel (OrtsAdv) Glanz-[der]- Sternenschar (S)‹
Pronominaladverbien können sowohl wie andere Adverbien als auch wie ein indirektes Objekt verwendet werden. Es scheint dabei eine Tendenz zu geben, bei einem direkten Objekt mit Artikel das Pronominaladverb vorzuziehen, aber die Textbasis ist dazu zu klein, um dies definitiv zu klären.
diheno ammen i úgerth vín ›vergib (P) an-uns (PronAdv) die-Missetaten-unsere (O)‹
ú-chebin estel anim ›nicht-habe-ich (P) Hoffnung (O) für-[mich-]selbst (PronAdv)‹
cuio i pheriain anann! ›leben (P) die-Halblinge (S) für-lang (AdjAdv)!‹
Auch Adverbien können topikalisiert werden.
ennas aníra i aran ... suilannad ›dort (Adv<) wünscht (P) der-König (S) ... zu-grüßen (O)
edregol e aníra tírad ›besonders (Adv<) er (S<) wünscht (P) zu-sehen (O)
Imperativ-Konstruktionen
In einem Beispiel aus dem »Herrn der Ringe« haben wir es bei einem Adverb, das auf den Imperativ folgt, offensichtlich mit einer lenierten Form (von sí ›hier, nun‹) zu tun:
Lenierung (von gaer ›ehrfurchtgebietend, heilig‹) finden wir im folgenden Fall:
Das Prädikat besteht hier aus Copula (no ›sei‹) und Prädikatsnomen (’aer ›heilig‹).
In einem dritten Fall handelt es sich anscheinend um Objekt-Lenierung (von peth ›Wort‹):
Bei scheinbar ähnlich konstruierten Sätzen ohne Lenierung dürfte es sich dagegen um das Subjekt des Imperativs handeln:
lacho calad ›flamme (P) Licht (S)‹
drego morn! ›fliehe (P) Nacht (S)‹
Bei einigen anderen Beispielen lässt es sich sagen, ob hier eine Lenierung eintreten müsste, da die Anfangslaute nicht beeinflusst werden.
Aus diesen Beobachtungen lässt sich eine Regel konstruieren, die besagt: Wörter nach dem Imperativ werden leniert, es sei denn, es handelt sich um das Subjekt des Satzes. Da aber Objekte ohnehin leniert werden, könnte man präziser formulieren: Adverbien nach dem Imperativ werden leniert.
Was aber ist dann von folgendem Beispiel zu halten?
Die einfachste Erklärung wäre, dass die korrekte, aber als unschön empfundene lenierte Form dhîn vermieden wird. Das Wort wird hier jedoch vermutlich weniger als Adverb, denn als Adjektiv, bezogen auf loth a galadh, aufgefasst. Als Adjektiv wird es nicht leniert, weil es nicht unmittelbar auf sein Beziehungswort folgt. Die Grenze zwischen Adjektiven, die von ihren Beziehungswörtern getrennt sind, und solchem im adverbialen oder prädikativen Gebrauch scheint im Sindarin nicht so scharf gezogen zu sein. Wie immer man den Satz
silivren penna miriel o menel aglar elenath brillant (AdjAdv) herabstrahlt (P) funkelnd (AdjAdv) vom-Himmel (OrtsAdv) Glanz-[der]-Sternenschar (S)
syntaktisch analysieren mag, eine eindeutige Zuordnung von silivren oder miriel als Adjektiv oder Adverb erscheint in jedem Fall willkürlich. Darüber hinaus wäre auch nicht einsichtig, warum ein Adverb allgemein nach dem Imperativ leniert werden müsste, nach anderen Verbformen wie penna, die ebenfalls auf einen Vokal enden, jedoch nicht.
Adjektive in adverbialem Gebrauch werden daher vermutlich in der Regel nicht leniert. Vielleicht gibt es aber auch einen inhaltlichen Unterschied zwischen nachfolgenden Adverbien mit und ohne Lenierung:
edro hí ammen öffne-dich-nun für-uns
?edro sí ammen öffne-dich nun für-uns
Im zweiten Fall wäre die Verbindung zwischen Verb und Adverb nicht so stark wie im ersten, und die Wörter würden somit nicht als Einheit empfunden, womit die Grundvoraussetzung für eine Lenierung nicht gegeben wäre.
Zur PSO-Syntax siehe auch David Salo, A Gateway to Sindarin (2004), S. 204 ff., der teilweise zu anderen Schlüssen kommt.
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